Willkommen bei den Proben
Wie laufen so Proben eigentlich ab? Auf was wird alles geachtet? All diese Fragen werden euch hier beantwortet, denn ich durfte bei vielen Proben selbst dabei sein und zuschauen.
Die erste Probe - das Konzeptionsgespräch
14.April 2021
Die erste Probe für Tell ist im Probenplan eingetragen: Das Konzeptionsgespräch. Es wird für die nächste Zeit die einzige Probe sein, bei der alle Beteiligten anwesend sind. Nicht nur die Schauspieler und der Regisseur, sondern auch zum Beispiel die Bühnenbildnerin, Die Kostümbildnerin, die Assistenten und der Dramaturg. Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen, wenn ich einen Blog darüber schreiben will! Ich melde mich ein paar Tage vorher beim Dramaturgen Thomas Blockhaus an, dann kann es losgehen. Als ich morgens in den Zug steige, um nach Krefeld zu fahren, habe ich noch gar keine Erwartungen. Ich weiß auch noch nicht so richtig, wo mich mein Projekt mit dem Blog hinführen wird. Also dann, lasse ich mich eben überraschen.
Um die Sicherheit aller Beteiligten gewährleisten zu können, sitzen alle mit Maske und großen Sicherheitsabständen in einer Art Stuhlkreis im Glasfoyer des Krefelder Theaters. Normalerweise können sich die Zuschauer hier in den Pausen gemütlich mit kleinen Speisen und Getränken hinsetzen. Irgendwie ein komisches Gefühl, dass hier seit November keine Zuschauer mehr waren.
Nachdem die Beteiligten nach und nach eingetrudelt sind, kann es losgehen. Zunächst erzählt der Regisseur Matthias Gehrt einige kurze Infos zum historischen Tell und zum Hintergrund des Stückes. Unterstützt wird er dabei vom Dramaturgen. Obwohl Schillers Werk mehr als 200 Jahre alt ist, werden top aktuelle Themen verarbeitet. Ursprünglich sollte Wilhelm Tell schon vor einem Jahr aufgeführt werden, doch die Pandemie machte dem Theater da leider einen Strich durch die Rechnung. Die meisten Themen haben jedoch nicht an Relevanz verloren, sodass zum Beispiel der Klimawandel und die damit zusammenhängende Debatte weiterhin verarbeitet werden. Dazu hat der Dramaturg extra einige Passagen zum Originaltext hinzugefügt - natürlich im Versmaß, um den Redefluss nicht zu unterbrechen. Und so soll das Stück fast schon in die Zukunft verlagert werden, in der die Böden ausgetrocknet sind und die Natur gnadenlos ausgebeutet wird.
Danach wird das Bühnenkonzept besprochen. Natürlich soll sich auch dort das Thema des Klimawandels wiederfinden. Die Bühne soll eine zehn Prozent Schräge bekommen und besteht aus einem Schollenfeld, das den aufgerissenen und ausgetrockneten Boden darstellt. Darauf platziert werden alltägliche Gegenstände, die nicht in die Natur gehören, wie eine Stehlampe oder ein Wasserspender. Mit jeder Szene wird einer der Gegenstände entfernt. Im Vordergrund soll eine große Schweizer Fahne aufgestellt werden und im Hintergrund eine große Alpenmalerei des Vierwaldstättersees zu sehen sein. Damit wird der Kontrast zwischen Vergangenheit und Realität verdeutlicht. "Es soll wie ein Altar sein, an dem man sich erinnert, wie schön die Schweiz einmal war". Zunächst sollen alle bewundernd davor stehen, dann Wind, Gewitter - die Szene beginnt.
Auch der Auftritt von Schweizer Dämonen ist geplant, die in Schillers Stück ursprünglich nicht vorgesehen sind. Dabei sollen kostümierte Balletttänzer den Zuschauerfokus immer wieder für kurze Zeit auf sich ziehen.
Doch das geplante Konzept bietet noch Raum für Veränderungen. Entgegen meiner Erwartung, steht noch gar nicht alles fest.
Danach geht es weiter zu den Kostümen. Aufgrund von Corona müssen die Umzüge und die Maske hinter der Bühne von den Schauspielern und Schauspielerinnen selbstständig vorgenommen werde. Das muss natürlich berücksichtig werden. Geplant sind rudimentäre Kostüme. Die einfache Bevölkerung soll schmutzig und verschwitzt auftreten. Einen besonderen Stellenwert haben die Lederhosen. Sie sind nicht einfach zu beschaffen und eine große Seltenheit, sodass mit entsprechender Vorsicht damit umgegangen werden muss. Doch seit letztem Jahr hat sich der Plan der Kostüme etwas verändert. Ursprünglich sollten die Darsteller als Verweis auf Amerika und Trump Cowboyhüte tragen. Da allerdings seitdem der Präsident gewechselt hat, fällt dieser Themenbezug weg. Die Kostümbildnerin legt einige Zeichnungen auf dem Boden aus, damit sich jeder anschauen kann, wie die Kostüme und Frisuren geplant sind. Ihr findet einige der Zeichnungen in der Galerie.
Nach anderthalb Stunden wird eine Pause gemacht. Dabei darf ich mir auch die gezeichneten Kostümentwürfe anschauen. Nach der Pause wird das Stück einmal komplett gelesen. Dabei fällt noch eine weitere Veränderung im Vergleich zum Original auf: Raafat Daboul, der auch Mitglied im Jungen Theater ist, liest einige Passagen des Textes auf Arabisch.
Am Ende bleibt nur noch eine Frage: "Werden bei den Proben auf der Bühne Masken getragen?" Corona ist eben allgegenwärtig. Zur Sicherheit sollen die Schauspieler auf der Bühne die Masken aufbehalten - zusätzlich zu den bereits geplanten Abständen zueinander.
Und schon geht mein erster Probenbesuch zu Ende. Ich bleibe gespannt, was mich dann auf den ersten szenischen Proben erwartet.
"Schiller ist einfach Power"
15. April 2021
Am nächsten Tag geht es dann auch schon weiter. Diesmal fahre ich zur Probebühne in der Fabrik Heeder. Gestern bin ich dort erst einmal zum Test kurz hingegangen, weil ich befürchtete, die Fabrik mit meinem eher bescheidenen Orientierungssinn nicht zu finden - eine ziemlich unbegründete Sorge, da das große Gebäude direkt hinter dem Krefelder Hauptbahnhof kaum zu verfehlen ist. Aber sicher ist eben sicher.
Als ich auf der Probebühne ankomme, ist die Stimmung locker und entspannt. Neben den Schauspielern sind noch der Komponist der Bühnenmusik, der Dramaturg, der Regisseur, die Souffleuse, die Bühnenbildnerin und natürlich ich dabei.
Im Gegensatz zu gestern sind nur 8 Personen anwesend, was das Ganze viel familiärer und persönlicher wirken lässt. Denn am Anfang werden die Szenen natürlich einzeln geprobt, nicht direkt das ganze Stück. Während sich alle noch Stühle und Tische zum Sitzen zusammensuchen, wird viel geredet und gelacht.
Dann geht es los. Zunächst sind nur zwei Schauspieler anwesend, denn die Eröffnungsszene wird geprobt, in der der Unterwaldener Bürger Baumgarten vor den Schergen des Landvogts flieht und den Fährmann Ruodi Hilfe suchend um die Überfahrt anfleht. Zunächst erklärt der Regisseur Matthias Gehrt den Spielenden, wie er sich die Szene vorstellt. Dabei wird besprochen, welche Emotionen er sich von den Figuren erhofft. Die Hintergründe werden genau erläutert. Um die Figuren realistisch spielen zu können, müssen die Schauspieler genau über ihre Motive Bescheid wissen, was sie antreibt. Auch die Beziehung der Figuren ist wichtig, etwas, was aus dem einfachen Ablesen des Textes natürlich nicht hervorgeht. Beim Dialog soll Baumgarten in seiner Verzweiflung immer wieder ins Arabische fallen. In der Fassung des Theaters ist das die Muttersprache des eingewanderten Baumgartens. Dadurch sollen seine Emotionen deutlicher transportiert werden. Die Wechsel ins Deutsche werden deshalb genau geplant, müssen überdeutlich gesprochen werden. "Du musst dich praktisch dazu zwingen, in der Situation Deutsch zu reden", erklärt Gehrt. Doch das Besprechen der Figuren ist kein starres Vorgeben durch die Regie. Stattdessen wird im Dialog mit den Schauspielern geklärt, was sie sich selbst unter ihrer Figur vorstellen. So werden in angeregter Diskussion schließlich die Figuren geschaffen und der einfache Schwarzweiß-Text wird Schritt für Schritt zum Leben erweckt.
Dabei lerne ich, dass es schwierig ist, wenn zwei Personen mit einer ähnlichen Gefühlslage auf der Bühne sind. Grundsätzlich seien Gegensätze spannender. Um sich die Figuren besser vorstellen zu können und sie greifbarer zu machen, sucht der Regisseur immer wieder nach realen Vorbildern.
Da es die erste Probe ist, spielen die Darsteller noch mit Textbuch in der Hand. Das macht es auch leichter, genau auf die richtigen Betonungen zu achten, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Immer wieder wird der Text hinterfragt, schließlich müssen die Spielenden verstehen, warum ihre Figur so oder so handelt. Warum nimmt Baumgarten das Boot des Fährmanns zum Beispiel nicht selbst, um sich in Sicherheit zu bringen? Hat er zu viel Angst oder kann er kein Boot steuern? Und so werden an der ein oder anderen Stelle auch manche Wörter und Sätze noch nachträglich leicht verändert.
Doch neben den sprachlichen und schauspielerischen Feinheiten werden auch die Kostüme besprochen. So muss zum Beispiel noch geklärt werden, wie viel Blut Baumgarten auf seiner Kleidung haben sollte. Und was habe ich noch gelernt?
Das Erste, das für die Proben an Kostüm benötigt wird, sind die Schuhe. "Denn mit den originalen Schuhen spielt es sich ganz anders", erklärt Gehrt.
Neben dem, was sich die Schauspieler zu ihrer Rolle ausdenken, hat das Stück auch einen realistischen Bezug, da der Ort tatsächlich existiert. Mit Hilfe des Dramaturgen, der den Vierwaldstättersee bereits selbst besucht hat, werden die realen geographischen Gegebenheiten geklärt. So können sich alle Beteiligten der Szene auch ein besseres Bild von der Gesamtsituation machen. Wie groß ist der See zum Beispiel wirklich?
Nach anderthalb Stunden ist Pause, zur Lüftung und Reinigung. Dazu gehen alle nach unten in den Hof. Obwohl die Temperaturen draußen noch etwas zu wünschen übriglassen, scheint die Sonne und so habe ich die Möglichkeit, die beiden Schauspieler Tomiska und Daboul etwas persönlicher kennenzulernen, während wir uns über den Ramadan, Fastenzeiten im Allgemeinen und Corona unterhalten. Unser Fazit: Mit Masken können wir die Menschen oft kaum wiedererkennen. Ohne Maske ist es dann aber plötzlich ganz ungewohnt und das eine oder andere Gesicht hat man sich irgendwie anders vorgestellt.
Nach der Pause geht es weiter. Für die nächste Sequenz ist Paul Steinbach als Tell dazu gekommen.
Die Stimmung ist nach wie vor locker. Als dargestellt wird, wie ein imaginäres Boot über den See gerudert wird, kann sich kaum jemand das Lachen verkneifen. Das stört die angeregte Arbeit allerdings nicht im Geringsten, nach den Witzen kehren alle immer wieder zur Szene zurück.
Wieder werden die Emotionen und Figurenbeziehungen geklärt. Außerdem steht die Frage im Raum, ob die Sprache zu Gunsten des Redeflusses an einigen Stellen modernisiert werden sollte. Schon im letzten Jahr ist der Text noch einmal überarbeitet worden.
Aber trotz leichter Veränderungen ist eines für Gehrt klar: "Schiller ist einfach Power, Power, Power. Der Mann kann einfach schreiben!
Mein erster Besuch auf der Bühne
10. Mai 2021
Die nächste Probe, die ich mir anschaue (wegen Corona darf ich leider nicht alle Proben, die stattfinden, besuchen), findet bereits auf der Bühne statt. Im Gegensatz zu vorher besuche ich diesmal eine Abendprobe. Ganz ungewohnt für mich: Ich brauche eine Bescheinigung, dass ich auch noch nach der Ausgangssperre unterwegs sein darf. Denn so verlockend das Theater auch ist, übernachten will ich dann doch lieber zuhause.
Durch Corona mussten die Proben früher als geplant dorthin verlegt werden, da der Probenraum in der Fabrik Heeder deutlich kleiner als die normale Bühne ist. Hier können sich alle, die nicht spielen, großzügig im Zuschauerraum verteilen. Das macht die Probe natürlich auch deutlich anonymer als vorher. Als ich mich auf meinen Platz setze, fühle ich mich ein bisschen so wie vor einem halben Jahr, als hier noch Vorstellungen stattfinden konnten. Doch es sieht gut aus, hoffentlich kann bald wieder hier vor Publikum gespielt werden. Noch steht das Bühnenbild bis auf einige Requisiten nicht. Geprobt wird diesmal die Apfelschussszene, die wohl bekannteste Szene des ganzen Stückes. Selbst diejenigen, die Schillers Werk noch nie gelesen oder gesehen haben, dürften den Namen Tell wohl mit dem berühmten Schuss mit der Armbrust in Verbindung bringen. Die Darsteller proben die Szene mit Masken, um bei der größeren Anzahl an Schauspielern die Sicherheit weiterhin zu gewährleisten. Die Regieassistentin Alla Bondarevskaya achtet darauf, dass auch zum Beispiel beim Auf- oder Abgehen die Abstände bestmöglich eingehalten werden.
Für mich neu: Die junge Assistentin der Kostümbildnerin spielt jetzt Tells Tochter. Ursprünglich waren für die Rolle Kinder eingeplant, die bereits vor einem Jahr hätten mitspielen sollen. Corona hat auch das nun unmöglich gemacht. Nele Rembold, die Waltraud jetzt spielt, bekommt dabei von den anderen Schauspielern großes Lob: "Wir müssen jetzt mal wirklich sagen, wie toll Nele das hier macht!"
Bei der Probe sitzt der Text bei einigen noch nicht ganz, doch die Souffleuse, die ganz vorne an der Bühne sitzt, ist natürlich sofort zur Stelle. Die Schauspieler tragen bereits Teile der Kostüme und mit der Armbrust Tells, dem Apfel (er ist nicht echt) und den Waffen der Söldner (natürlich auch nicht echt) sind auch schon einige Requisiten dabei. Gerade beim Halten der Waffen kommt es allerdings zu Schwierigkeiten. Einerseits muss es natürlich realistisch aussehen, andererseits ist es eine ziemliche Herausforderung, die schweren Waffen die ganze Zeit "auf Anschlag" zu halten. Das sind Probleme, die beim Proben ohne Requisiten nicht aufkommen, deshalb muss an der einen oder anderen Stelle noch einmal neu überlegt werden. Bei der szenischen Umsetzung können die Spielenden wie immer eigene Idee einbringen. Die Vorschläge werden dann getestet. Sollen zum Beispiel bei der Ankunft des Landvogtes alle auf die Knie fallen? Wie wirkt sein Auftritt möglichst bedrohlich?
Heute erlebe ich bei der Probe auch schon Teile des Tones mit. Die Techniker halten für einzelne Szenen verschiedene Töne bereit, die von einfachen Geräuschen bis zur musikalischen Untermalung gehen können. Auch die generelle Reaktion auf die Waffen muss überlegt werden. Ist es logisch, dass alle erstarren, wenn die Waffen auf sie gerichtet werden oder gibt es eher Gegenwehr? Doch das wahrscheinlich größte Fragezeichen bei der Probe verursacht der Apfelschuss. In welchem Winkel soll der Apfel am besten abgeschossen werden, ohne dass andere in der theoretischen Schussbahn stehen? Und auch den künstlichen Apfel auf dem Kopf zu balancieren und dabei gleichzeitig noch zu spielen ist sicher nicht die leichteste Aufgabe. Die Probe hat es definitiv in sich, immer wieder wird die Szene wiederholt. Doch am Ende des Tages ist ein großes Stück geschafft. Für mich geht es natürlich ebenfalls nach Hause. So ausgestorben wie um diese Zeit zur Ausgangssperre habe ich den Krefelder Ostwall auch noch nie erlebt.
"Das heilige Blubbern"
19. Mai 2021
Eine Woche später zieht es mich wieder zum Probenbesuch. Als ich den Raum betrete und in Richtung Bühne schaue, bin ich überrascht. Das Bühnenbild steht tatsächlich - und ich liebe es! Beim Konzeptionsgespräch konnte ich mir noch nicht so wirklich vorstellen, was mit einer Schollenlandschaft und einer Schräge gemeint war. Jetzt sehe ich es. Von Weitem sieht es ein wenig so aus, als wäre die Bühne mit großen Natursteinen gefliest worden. Die Darstellung eines aufgerissenen Bodens ist auf jeden Fall gelungen. Auch die Requisiten haben sich verändert, die Schweizer Fahne steht, genauso wie die Stehlampe. Tells Armbrust sieht ebenfalls echter aus und auch Tells Tochter hat jetzt eine kleine Armbrust als Requisite bekommen.
Da die Bühne wegen der Hygienevorschriften nur mit vorheriger Einweisung betreten werden darf, schaue ich sie mir vom Zuschauerraum aus an. Zunächst wird eine Szene mit der Familie von Tell geprobt. Dabei repariert Tell die defekte Stehlampe und will sich danach von seiner Frau verabschieden, um seinen Schwiegervater zu besuchen. Die besorgte Ehefrau befürchtet, dass Tell in einen Konflikt mit dem Landvogt geraten wird und möchte ihn von seinem Vorhaben abbringen und besonders davon, seine Tochter mitzunehmen. Doch schon direkt am Anfang wird eine entscheidende Schwierigkeit klar. Da sich Nele Jung als Tells Frau und Nele Rembold als Tells Tochter den gleichen Vornamen teilen, kommt es immer wieder zu Verwirrungen. "Das testen wir jetzt Mal. Nele?!", ruft Steinbach vor dem Probenbeginn. "Ach wie schön, beide kommen, so muss das sein.“ Doch Gehrts Lösung "Ich schau euch jetzt immer an, dann wisst ihr, wen ich meine", kann immer wiederkehrende Verwirrungen und Verwechslungen nicht ganz verhindern. So ist Tells Frau, die sich eigentlich gerade nur mit Kartoffelschälen beschäftigt, etwas verunsichert, als sie plötzlich eine Armbrust reparieren soll.
Die Szene wird immer und immer wieder geprobt. Dabei kommt es hin und wieder zu kleinen Textfragen. Soll zum Beispiel "ein rechter Schütze" oder "eine rechte Schützin hilft sich selbst" gesagt werden? Wird Schillers "früh übt sich, was ein Meister werden will" durch die geläufigere Redewendung "früh übt sich, wer ein Meister werden will", ersetzt? Die Frage, wie stark die Sprache an einigen Stellen modernisiert werden sollte, stellt sich also auch bei späteren Proben immer wieder.
Auch, womit sich die Darsteller während des Dialoges beschäftigen, muss in mehreren Durchläufen geklärt werden. Schält Tells Frau Kartoffeln oder sitzt sie lediglich auf einem Hocker? Was möchte Tell eigentlich an der Lampe reparieren? Und eine ganz entscheidende Frage: Wie muss Tell den Wasserspender richtig bedienen? "Da musst du den Becher drunter halten und dann ein bisschen warten. Dann kommen da diese Blasen. Da hat Gabi lange dran gearbeitet, das ist das heilige Blubbern", scherzt Gehrt. Mit jedem Mal klappt die Szene besser und besser. Immer wieder führen die Schauspieler ihre Dialoge improvisiert weiter oder verändern den Text so, wie er heute gesagt werden würde. Das ist mir ja auch schon davor bei den Proben immer mal wieder begegnet. Die Rolle beginnt dadurch realistischer zu wirken und es hilft, die Figuren zu verstehen. Dadurch kommen auch Ideen zustande, wie der Text tatsächlich noch ergänzt werden kann, um die Handlungen logischer zu machen. Als Tell nach dem Reparieren der Lampe aufbrechen möchte, ist ursprünglich nur ein einfaches "So!", vorgesehen. Doch seine Frau sitzt zu diesem Zeitpunkt mit dem Rücken zu ihm. Woher sollte sie aus diesem kurzen Ausruf entnehmen, dass Tell vorhat, das Haus zu verlassen. Ihre Frage, wo er denn hingehen will, wirkt deshalb sehr gestellt. Nach einigem Hin und Her und immer wieder anderen Vorschlägen, die von einem einfachen Handzeichen bis zu einem Positionswechsel der Frau gehen, wird Tells Aufruf um ein "So, auf geht's!", erweitert. Am Ende wird noch ein paar Mal geübt, wie Tells Tochter am besten über die Schollen springen soll, um ihrem Vater zu folgen: "Du musst dich richtig freuen. Versuch mal von einer Platte zur andere zu springen" Als nach anderthalb Stunden die Pause beginnt, ist der Regisseur erst einmal zufrieden.
Nach der Pause geht es mit fast allen Darstellern weiter, denn es wird Gesslers Monolog und sein anschließender Tod durch Tell geprobt. Zunächst wird der Ton überprüft. York Ostermayer, der für die Musik bei Tell verantwortlich ist, stellt unterschiedliche Töne zur Verfügung, mit denen zum Beispiel am Anfang der Auftritt Gesslers untermalt werden soll. Der Regisseur entscheidet dann, welcher Ton für ihn am besten zur Szene passt. Dabei muss natürlich auch die Lautstärke berücksichtigt werden, da Michael Grosse als Landvogt schließlich auch noch zu hören sein muss. Gerade dabei fällt auf, dass die Sprache durch die Masken stark abgedämpft wird und schlechter verständlich ist. So kann nur schwer zwischen undeutlicher Sprache und der Maske als Dämpfer unterschieden werden. Wieder wird in mehreren Durchläufen überprüft, wie der Monolog am eindrucksvollsten rüberzubringen ist. Soll Gessler nur zu sich selbst sprechen oder seinen Monolog an das Publikum adressieren. Schließlich hat Gehrt die Idee, seine Ansprache an die Schweizer Fahne selbst zu richten, um eine Art Rechtfertigung vor dem Land und Kaiser darzustellen.
Danach geht es zur nächsten Szene: Gessler wird von der verzweifelten Bäuerin Armgard angefleht, ihren Mann aus dem Gefängnis zu entlassen und gnädig zu sein. Dabei wird in der Szene auf die Wachen Gesslers verzichtet, sodass er seinen Text noch um einige Sätze ergänzen muss. Zwischendurch kommt es noch einmal zu einer kurzen Textprobe, da der Dialog zwischen den beiden nicht ganz einfach ist und an einigen Stellen fast an einen Zungenbrecher herankommt.
Die letzte Szene dieses Tages ist eine Gruppenszene. Zuerst wird nur der Text noch einmal geprobt, um zu verdeutlichen, in welcher Reihenfolge wer spricht. Denn nachdem die Wachen Gesslers den Leichnam gesehen und sich auf die Suche nach dem Mörder gemacht haben, versammelt sich das Volk um den toten Landvogt. In vielen verschiedenen Ausrufen wird sein Tod und die nun folgende Freiheit gefeiert. Da Michael Grosse die Probe bereits verlassen musste und eine einfache Decke als Leichnam nicht so wirklich passend wirkt, springt die Regieassistentin Alla Bondarevskaya kurzerhand ein. Mit (Oscar verdächtiger Dramatik) sinkt sie jedes Mal am Anfang der Szene zusammen, um als toter Landvogt liegenzubleiben. Bei dieser Szene wird hauptsächlich der Auf- und Abgang von Gesslers Wachen geprobt. Denn nachdem Tell auf Gessler geschossen hat, soll es dunkel im Saal werden. Sobald das Licht wieder angeht, müssen die Darsteller bereits an der Leiche stehen, um dann kurz danach die Bühne wieder zu verlassen. Jannike Schubert, die Gesslers Begleiterin Olga spielt, hat durch ihr langes, glamouröses Kleid das Problem, dass sie die Bühne mit den Platten nicht überqueren kann. Sie muss also definitiv wieder an der gleichen Stelle abgehen. Zunächst wird versucht, dass alle Darsteller wieder zur gleichen Seite hin die Bühne verlassen. "Wir machen das jetzt erst einmal so!", legt Gehrt fest. Doch die drei Spielenden sind von der Wirkung nicht wirklich überzeugt. "Wenn wir den Mörder suchen wollen, ist es doch viel logischer auszuschwärmen und in verschiedene Richtungen abzugehen", merken sie an. Nach einigem Überlegen, wird der Vorschlag angenommen und die Szene noch ein paar Mal wiederholt, damit alles sitzt.
Wieder einmal kann man sehen, dass nicht alles von vorne herein feststeht, immer noch mal etwas geändert werden kann und vor allem: Dass die Darsteller selbst am Ende auch noch ein Mitspracherecht haben und ihre Ideen und Vorschläge ernst genommen und ausprobiert werden.
Der große Tag
06. Juni 2021
Heute ist es endlich so weit! Die Premiere ist da. Nachdem ich sehr nervös nach einem guten Parkplatz gesucht habe, kann ich mich jetzt endlich entspannt hinsetzen und den Moment genießen. Um mich herum füllen sich die Plätze. Ich habe es definitiv vermisst, die Gespräche und das Lachen der Zuschauer zu hören, bevor ein Stück losgeht. Und als ich mich umschaue, sehen die Menschen freudig und erwartungsvoll der Premiere entgegen. Wir haben eben alle das Theater vermisst. Die Besucher sitzen im Schachbrettmuster. Das bedeutet, dass nur jede zweite Reihe besetzt ist und in der gleichen Reihe immer mindestens zwei Plätze Abstand gelassen werden. Noch muss ein negativer Test mitgebracht und die FFP2-Maske auch während der Vorstellung getragen werden. Aber obwohl es den Besuch natürlich etwas umständlicher macht, fühlt man sich dadurch sehr sicher im Theater. Der Anfang sorgt zunächst für etwas Verwirrung beim Publikum. Denn obwohl weder die Türen geschlossen, noch die Lichter ausgemacht wurden, betreten die Schauspieler nach und nach die Bühne. Sie stehen vor der farbenfrohen Leinwand, die das Bild des Vierwaldstättersees zeigt. Dann ergreift einer der Schauspieler ein Alphorn und beginnt scheinbar zu spielen. Ich kann in vielen Gesichtern die Fragezeichen sehen. Ist das etwa ein technischer Fehler? Kommt nicht immer noch eine Ansage vorher? Ich muss unter meiner Maske lächeln, der Anfang ist tatsächlich besonders. Denn dann verlassen die Darsteller die Bühne wieder, die Türen werden geschlossen, das Licht geht aus - und die vermisste Ansage erklingt: "Herzlich willkommen in unserem Theater" Direkt am Anfang werden alle noch müden Zuschauer geweckt, als Ruodi mit einem lauten Knall erschossen wird. Die Vorstellung läuft gut, das Publikum lacht an den richtigen Stellen. Die Dämonen werden vom Publikum gebannt beobachtet. Auch wenn sie bei ihrem ersten Auftritt zunächst für Verwirrung sorgen und der erstaunte Ruf "Ist das ein Biber?" durch das Theater klingt.
Am Tag vorher habe ich auch die Generalprobe des Stückes besuchen dürfen. Dadurch fallen mir jetzt kleine Veränderungen auf: Die Becher am Wasserspender fehlen zum Beispiel. Ob sie allerdings tatsächlich vergessen wurden oder es mit Absicht im Nachhinein geändert wurde, kann ich nicht sagen. Es passt auf jeden Fall trotzdem, schließlich herrscht Wasserknappheit, der Boden ist ausgetrocknet. Der leere Wasserspender fügt sich also wunderbar ins Bild ein.
In der Szene, in der die Schweizer sich mit Fackeln auf dem Rütli versammeln, ging das Feuer in der Generalprobe zu früh aus. Eine Fackel reichte da nicht. Heute bei der Premiere, haben diejenigen, die als erstes eintreffen, deshalb vorsorglich eine zweite dabei. Bei der Generalprobe musste Christine, die Souffleuse, auch noch einmal kurz behilflich sein, heute gibt es keine Zwischenfälle (auch wenn sie beim Publikum wahrscheinlich sowieso schnell in Vergessenheit geraten würden). Doch der größte Unterschied liegt bei Tells Schlussmonolog. In der Generalprobe wurde versehentlich das Blut vergessen, mit dem Tell eigentlich beschmiert sein sollte. Heute aber ist sein Gesicht ganz dunkelrot gefärbt. Obwohl ich das Stück jetzt schon zum zweiten Mal komplett sehe, ist es nicht langweilig - anders als befürchtet. Tatsächlich finde ich es sogar sehr spannend. Da ich diesmal weiter vorne sitze, als am Tag zuvor, kann ich mich viel mehr auf die Kostüme und das Bühnenbild konzentrieren. Und das Theater ist eben kein Film - jede Vorstellung ist anders (Das hat mir auch die Souffleuse in den Interviews erzählt, bei denen ihr gerne vorbeischauen könnt). Die 90 Minuten vergehen wie im Flug und nicht nur ich bin begeistert. Der langanhaltende Applaus tönt durch den Saal, einige trommeln mit den Füßen auf dem Boden, es wird gepfiffen und gejubelt. Immer wieder kehren die Beteiligten auf die Bühne zurück, da der Beifall nicht abreißt. Man kann also sagen: Die Arbeit hat sich gelohnt, das Stück ist ein voller Erfolg und es tut gut, endlich wieder Publikum im Theater zu sehen.
Einige Tage später kann ich die Kritiken zu Tell in der Zeitung lesen: Paul Steinbach wird von der Rheinischen Post als "brillant" bezeichnet. "Die Inszenierung modernisiert den Stoff schlüssig, strafft den Stoff geschickt und ist vor allem deshalb schlau: Für den implementierten Klimakonflikt bietet sie keine Lösung für den Zuschauer", so die Westdeutsche Zeitung.
"Das Stück ist gut und das Spiel spannend organisiert [...] Intendant Michael Grosse als Gessler glaubt man jede Zeile", liest man in der Deutschen Bühne. Nicht nur bei mir ist das Stück also gut angekommen.
Ein kurzer Friseurbesuch
Der erste Haarschnitt nach Corona für den Schweizer Dämon - den Gedanken hatte zumindest die Kostümbildnerin Kirsten Dephoff.
Ob der Chefmaskenbildner Frank Baumgartner wohl danach über eine Karriere als Starfriseur nachdenkt?